Vom stillen Sterben der Insekten

Neulich saß ich beim Augenarzt und lass in der GEO Nr. 03/2017 „Dalai Lama – Die Bilanz eines heiligen Lebens“ den Artikel „Tartort Wiese – Vom stillen Sterben der Insekten“ – ich war geschockt.

Eine Frage: Wie oft haben Sie im Sommer vor ca. 20 Jahren Ihre Windschutzscheibe vom Auto waschen müssen, wenn Sie nur mal eben kurz über die Autobahn gefahren sind? Und wie ist das heute?

In unseren Gärten und auf Feldern vollzieht sich ein Massensterben: Die Bestäuber (Bienen, Käfer und Schmetterlinge), auf die unsere Nahrungspflanzen angewiesen sind, verenden. Als Täter unter schwerem Verdacht: Pestizide namens Neonicotinoide.

Giftfläschchen auf Holztisch

Giftfläschchen – Lizenz des Bildes: CC0

„Es gibt einen Ort, an dem das Drama greifbar wird. Ein dämmriger Raum im Vereinsheim der Krefelder Entomologen, es riecht muffig, nach vergilbten Büchern und Bohnerwachs. Auf einem langen Holztisch stehen zwei Behälter: ein großer Bottich und eine kleine Dose.

Entomologen sind Insektenkundler. Mitglieder des Krefelder Vereins erfassen seit über 100 Jahren die heimische Insektenwelt. Ihre Funde bewahren sie hinter Glas: Käfer mit Körpern wie Juwelen, mumiengleiche Puppen von Faltern, schimmernde Prachtlibellen. Doch was früher eine Inventur der Vielfalt war, hat sich in jüngster Gegenwart zu einer Bestandsaufnahme des Schreckens gewandelt.

Der Bottich enthält 1,4 Kilogramm tote Insektenmasse – die Ausbeute einer Falle, aufgestellt im Jahr 1989. In der kleinen Dose befindet sich der Inhalt einer Falle, errichtet am selben Ort, über denselben Zeitraum, jedoch zwei Jahrzehnte später: Sie enthält noch ganze 294,4 Gramm.

Das entspricht einem Rückgang von 80 Prozent. Verschwunden sind nicht einzelne Arten, sondern massenweise Fluginsekten. Hummeln, Wespen, Schmetterlinge, Nachtfalter, Schwebfliegen, Fliegen und Mücken, Käfer, Bienen, Libellen. „Klingt vielleicht irre“, sagt der Insektenforscher Martin Sorg, „aber sie schmieren alle ab.“ Messfehler, so scheint es, sind ausgeschlossen.“ (http://www.geo.de/magazine/geo-magazin/15815-rtkl-vom-stillen-sterben-der-insekten-tatort-wiese, besucht am 12.03.2017)

Im Artikel wird weiter berichtet, dass Neonicotinoide vor ca. 20 Jahren verstärkt als Teil von Pflanzenschutzmitteln zum Einsatz kamen – der Zeitpunkt, an dem das massenhafte Insektensterben anfing. Auf die Honigbiene hat das Gift (anscheinend) die folgende Auswirkung: Die Biene vergisst ihr Landkarte im Kopf. Sie findet nicht mehr nach Hause und stirbt schließlich auf der Suche nach ihrem Stock an Erschöpfung. Dies belegen Versuche eines Wissenschaftlers. Und wenn Sie es dennoch in den Stock zurück schafft, dann kann sie den Kolleginnen nicht (richtig) von den von ihr gefundenen Trachtquellen erzählen. Der Schwänzeltanz funktioniert nicht mehr oder ist zu schwach: „Die Bienen tanzen entweder gar nicht mehr oder mit geringerer Intensität“ (RBB 2016: „Bienen unter Drogen“, http://www.rbb-online.de/panorama/beitrag/2016/09/bienen-sterben-wissenschaft-fu-berlin.html, besucht am 04.04.2017)

Und warum sind Neonicotinoide noch nicht aus dem Verkehr gezogen worden? Warum wurden Neonicotinoide überhaupt zugelassen? Wurde denn nicht geprüft?

Doch, wie alle Mittel wurden auch Neonicotinoide untersucht und geprüft. Die Prüfverfahren betrachten aber nur die unmittelbare Auswirkung – in diesem Fall der Neonicotinoide auf die Honigbiene – und nicht die mittelbaren. Im Prüfaufbau sind keine Bienen an den Neonicotinoide gestorben; sie mussten da halt auch nicht zum Stock zurück fliegen.

Erschütternd! Genauso wie der Artikel „Der stumme Frühling. Das Bienensterben ist Teil von etwas noch Größerem“ von Sebastian Lars Hausmann, der sich umfassend mit dem stillen Sterben der Insekten befasst.

Quellen:

4 Kommentare

  1. Zum Thema LD50 (letale Dosis 50 = ein Mittel an dem bis zu 49 von 100 Bienen sterben, gilt als bienenfreundlich, sterben mehr als 50% so ist es bienenschädlich) sei noch zu bemerken, dass die Honigbiene als Volk die Verluste durch Spritzschäden aufgrund der Kurzlebigkeit der Sommerbienen und des hohen Durchsatzes schnell wieder ausgleichen kann, das Volk überlebt, für die solitär lebenden Wildbienen sind die Folgen wesentlich gravierender: Jede Wildbiene die stirbt, ist aus dem Genpool verschwunden, die Population nachhaltig dezimiert, dasselbe gilt für Schmetterlinge, Käfer und co.

  2. Iver Jackewitz

    4. Mai 2017 at 11:54

    Und nach den Insekten sterben die Vögel ..

    Immer weniger Vögel in Deutschland – Die Zahl der Vögel in Deutschland und Europa ist dramatisch gesunken. Geeignete Lebensräume fehlen, Insekten gehen als Nahrung aus. Politiker warnen vor einem „stummen Frühling“.

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/voegel-zahl-in-deutschland-und-europa-geht-stark-zurueck-a-1146021.html (besucht am 4.5.17)

  3. Stirbt die Biene, dann stirbt der Mensch!
    Wie die TV-Medien am Donnerstag, dem 19.10. und am Freitag, dem 20.10. berichteten (siehe rbb aktuell, rbb zibb, ARD Tagesschau,….) hat der Bestand an Insekten in den zurückliegenden ca. 30 Jahren seit 1989 beängstigend um 75 Prozent (!!!) abgenommen, wie Umweltforscher vom NABU mit anspruchsvollen und mühevollen Methoden herausfanden.
    Das ist nicht nur schlechthin eine alarmierende Meldung und ein Alarmzeichen, sondern stellt bereits eine Umweltkatastrophe dar, wenn dies manchem auch nicht so bewusst sein sollte! Man kann es ganz knapp auf den Nenner bringen: Stirbt die Biene, dann stirbt der Mensch! Die Insekten spielen nämlich im ökologischen Gesamtsystem eine imminent wichtige Rolle, beispielsweise bei der Bestäubung der Blüten von Nutzpflanzen mit Pollen, so dass diese erst zum Blühen angeregt werden.
    Aber auch die Vögel sind vom massenhaften Insektensterben direkt betroffen, weil die Insekten für Vögel als Futter fungieren. So sind bereits 50 Prozent der Vogelarten ausgestorben. Wenn die Insekten schätzungsweise in den nächsten 10 Jahren aussterben sollten, falls nicht augenblicklich gegengesteuert wird, dann sieht es mit dem Speiseplan des Menschen und der Nutztieren ganz mager mit Obst und Gemüse und anderen Früchten aus.
    Das Problem der gravierenden Reduzierung der Insekten ist dabei durch den Menschen selbst verursacht worden: Überdüngung der Felder mit Gülle, die Verwendung von Pestiziden und anderen Unkrautvernichtern, überdimensionierte Monokulturen soweit das Auge reicht und die Verschmutzung der Umwelt mit CO2 und Methan, um nur einige negative Faktoren zu benennen. Dies sollte unbedingt Anlass zum sofortigen Handeln sein! Sukzessive sollten unbedingt die Kohlekraftwerke abgeschaltet werden und endlich die alternativen Energieerzeuger und Energieträger, wie Wind-, Solar- und Wasserkraftwerke effektiv und voll zum Einsatz gelangen! Dazu sind so schnell wie möglich die Stromnetze auszubauen (und nicht nur für Bayern) und effiziente Energiespeicher zu entwickeln. Auf zig Quadratkilometer von Monokulturen sollte überhaupt verzichtet werden und unbedingt zum Ökolandanbau bundesweit übergegangen werden. Die Felder sollten mit natürlichen Düngemittel (Stichwort tierischer Mist) gedüngt werden. Ansonsten sitzt der Mensch bald wieder auf den Bäumen, um die Arbeit von Insekten zu erledigen (siehe China).
    Siegfried Marquardt, Königs Wusterhausen

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